{"id":915,"date":"2012-08-31T05:50:16","date_gmt":"2012-08-31T05:50:16","guid":{"rendered":"http:\/\/irisherself.com\/blog\/?page_id=915"},"modified":"2013-08-15T14:14:44","modified_gmt":"2013-08-15T04:14:44","slug":"about-zeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/irisherself.com\/blog\/about\/about-zeit\/","title":{"rendered":"about zeit"},"content":{"rendered":"<p>Wir haben alle dieselbe Krankheit. Wir sind gegenwartsvergessen.<\/p>\n<p>Irgendwo, zwischen Pr\u00e4teritum und Futur eins und zwei, f\u00fchrte die Gegenwart \u00fcber Jahrhunderte ihr Dasein. Zugegeben, schon immer etwas eingequetscht, kurzlebiger als die un\u00fcberschaubare Zukunft und die endlose, gespr\u00e4chige Vergangenheit. Aber da die Ereignisse noch nicht schneller als die Schatten waren, die sie vorauswarfen, hatte sie ihren Stammplatz. Auch wenn die Gegenwart sprachlich etwas sp\u00e4rlich ausgestattet war. Eine Zeitform? Da kicherten Futur eins und Plusquamperfekt. Ist ganz sch\u00f6n lausig im Vergleich mit uns.<\/p>\n<p>Der Mensch ist zu recht stolz, nat\u00fcrliche Grenzen \u00fcberwunden und eigene gezogen zu haben. Er kann die Weltmeere \u00fcberfliegen, er hat die Gefahren der Natur gebannt, das Feuer beherrscht er (naja, mal von Waldbr\u00e4nden abgesehen). Er baut Buhnen und W\u00e4lle, um die Wucht des Wassers zu begrenzen. Aber die Zeit? Was haben wir mit ihr angestellt? Warum haben wir sie wie das Feuer und das Wasser behandelt? Warum hat nicht mehr jegliches seine Zeit? Warum zerhacken wir alles in den Sekundentakt? Warum brauchen wir Zeit-Management? Warum reicht nicht das Zeitgef\u00fchl? Wir haben wom\u00f6glich die wichtigste Grenze \u00fcberschritten, unsere eigene.<\/p>\n<p>&#8220;In Gedanken&#8221; waren Menschen zu allen Zeiten, manche waren in Gedanken versunken, abgetaucht auf dem Grund ihrer eigenen Phantasie. Manche tauchten nie wieder auf. Ab und an waren Menschen nicht dort, wo sie sich aufhielten, wo ihr K\u00f6rper war. Es tut manchmal gut, sich hinfortzudenken, aus einer Situation heraus, zu einem anderen Menschen. Oder an einen anderen Ort. Es kann befreiend sein. <\/p>\n<hr \/>\n<p>Das erste Mal Verse von Rilke zu lesen laesst einen sofort in dessen Gedankenwelt versinken. Das unwillk\u00fcrliche Gef\u00fchl von Verwandlung oder Versetzung setzt ein. Es verwandelt sich die Wirklichkeit um einen herum, der Ort an dem man sich befindet wird aus Grau Gr\u00fcn und Blau. Rilke sorgt f\u00fcr Versetzung, indem man sich auf seinen Versen hinfortdenkt. Langsam. Ganz langsam lernt man die Sehnsucht kennen, die einen wie eine S\u00e4nfte traegt. In diesen Momenten wird Zeit ein wertvolles Gut, aber ohne Geld, hat keinen Preis. Literatur ist Verlangsamung, daher der Genuss. Lesen &#8220;h\u00e4lt einen auf&#8221;, Gott sei Dank. Lesen ist eine \u00dcbung in Transformation ohne Verlust der Gegenwart. Wer liest, der nimmt nicht nur mechanisch Buchstaben auf, sonst w\u00fcrden alle Menschen jeden Text genauso deuten. Lesen fusioniert das Nichterlebte mit dem Erlebten, es st\u00e4rkt die Gegenwart. Literatur beschert so Gegenwartsgewinn. Sie sorgt f\u00fcr Ver\u00e4nderung, aber ist keine gewaltsame, keine brutale Entf\u00fchrung aus dem Jetzt.<\/p>\n<p>Es gibt Parallelen zwischen Lesen und Glauben, es sind \u00e4hnliche Kulturtechniken. Der Glaube kann Berge versetzen oder zumindest den Gl\u00e4ubigen. Wer das Vaterunser spricht, dem kann \u00c4hnliches widerfahren wie dem Rilke-Leser: die \u00dcbertragung der fernen oder fern angenommenen, erhofften Kraft in die Gegenwart. Wenn wir uns Zeit lassen. Auf das Gl\u00fcck hoffen und es nicht planen.<\/p>\n<p>Aber das Handy? Der Server? Das Netz? Eine virtuelle, von uns selbst geschaffene Macht gibt inzwischen das Tempo vor. Wir passen uns an. Sie katapultiert uns aus der Gegenwart, sie hat die innere Uhr ersetzt. Die Gegenwart stirbt im Takt des Tastendrucks. Der Verlust der Gegenwart ist eine neue Krankheit. Unsere Art Kommunikation dient nicht mehr der Kommunikation, sie verhindert sie. Die Schlagzahl der Schlagzeilen \u00fcbersteigt unser Fassungsverm\u00f6gen. Meine Wette: Wer noch am Abend aus dem Ged\u00e4chtnis alle Personen nennen kann, die er angesimst oder angemailt hat, erhaelt ein Mobiltelefon&#8230;<\/p>\n<p>Verkabelt wie auf der Intensivstation, verliert der Mensch jede Beziehung zu Raum und Zeit. Wir haben unsere Hirne von unseren Herzen entkoppelt. Lieber nirgendwo richtig als ganz am falschen Ort&#8230;<\/p>\n<p>Welche Kraft treibt uns? Welchen Reiz hat die Reiz\u00fcberflutung? Ein Gemisch aus Angst und Hoffnung scheint uns erfasst zu haben, ein Mix aus dem Glauben an die unbegrenzten M\u00f6glichkeiten und aus der Panik, immer etwas zu verpassen. Das Netz n\u00e4hrt die Hoffnung, dass von uns etwas h\u00e4ngenbleibt, wenn wir nicht mehr sind. Aber das Netz macht uns gleichzeitig klein, zum Mini-Bit im Mega-Universum.<\/p>\n<p>Jegliches hat seine Zeit? Wer schreitet noch f\u00fcrbass? Wer mag noch tr\u00f6deln, wo Zeit doch so wertvoll ist? Wir sind lieber nirgendwo richtig als ganz und gar am falschen Ort. Wir geben uns nicht zufrieden mit Gedankenschritten, wir setzen hastig an zu Gedankenspr\u00fcngen und landen in der Leere. Wir sind Nomaden des Kopfes und haben unsere Hirne von unseren Herzen und von unseren F\u00fc\u00dfen entkoppelt.<\/p>\n<p>Wo bleibt die Zeit f\u00fcr Liebe in der Nomadenwelt? Wer k\u00e4mpft um die Gegenwart? Wo bleibt die Gegenwehr? Wer wagt sich raus aus dem Teilchenbeschleuniger, der unsere Hirne zerrei\u00dft? Wer h\u00f6rt noch zu mit dem ganzen Ohr? Warum geh\u00f6rt \u00dcberwindung dazu, sich auszuklinken aus dem Netz der Sprachverwirrung? Wer zerst\u00f6rt das neue Babylon? Woher kommt die Illusion, mehr zu erleben, wenn man die Anzahl der Erlebnisse erh\u00f6ht? Es ist schwer, den Fortschritt aufzuhalten, der keiner mehr ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p>In einem Dorf lebt eine alte Frau. Sie war geboren in dem Dorf am Fluss, sie kannte nur wenige Orte der Gegend. Sie hat nie in einem Flugzeug gesessen. Sie hat es nicht einmal bis Berlin geschafft. Der Fluss hat ihr viele Geschichten erz\u00e4hlt, er hat sie einfach angesp\u00fclt. Tote Fische, tote Menschen, das Lachen aus dem Nachbardorf. Sie kannte jede Furche im Baum, abgetastet in langen N\u00e4chten. Der Fluss hat ihr alles gebracht, die Liebe, die von Gegen\u00fcber geschwommen kam, der Krieg, der mit Tosen \u00fcbersetzte. Sie kannte die Sterne und Geschichten von der Sehnsuchtsee. Sie hat das Leben genommen, wie es zu ihr kam, nicht umgekehrt. Man hat ihr von Rom erz\u00e4hlt, von Venedig, von Amerika.<\/p>\n<p>Sie hat staunend zugeh\u00f6rt, aber nie geklagt, etwas verpasst zu haben&#8230;<\/p>\n<p>PS: Von Wilhelm Busch ist bekannt, dass er ein Freund der Gartenarbeit war. In einem Brief an Johanna Kessler schrieb er am 30. Juli 1896: \u00bbAuch ich war immer daheim, grub, krautete, stocherte, handhabte die Gie\u00dfkanne, besah alles, was wuchs, tagt\u00e4glich genau und bin daher mit jeder Rose, mit jedem Kohlkopf, mit jeder Gurke intim bekannt. Eine etwas beschr\u00e4nkte Welt, so scheint\u2019s. Und doch, wenn man\u2019s recht erw\u00e4gt, ist all das Zeugs, von dem jedes unendlich und unergr\u00fcndlich ist, nicht weniger bemerkenswert als Alpen und Meer, als Japan und China.\u00ab<\/p>\n<p><em>Inspiriert, geschrieben und gesammelt im Leben, im Web und im <a href=\"http:\/\/spiegel.de\" target=\"_blank\">Spiegel<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir haben alle dieselbe Krankheit. Wir sind gegenwartsvergessen. Irgendwo, zwischen Pr\u00e4teritum und Futur eins und zwei, f\u00fchrte die Gegenwart \u00fcber Jahrhunderte ihr Dasein. 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